Carina, Frauke & Alica

Stillberaterinnen

 „Wir fragen die Mütter zuerst, was haben Sie sich vorgestellt? Und dann arbeiten wir daran, dass es so werden kann."

Stillen ist intensiv, manchmal schwierig und oft emotional aufgeladen. Im Krankenhaus Buchholz begleiten drei Stillspezialistinnen Mütter in den ersten Tagen nach der Geburt, durch diese besondere Zeit. Frauke Fischer ist seit 36 Jahren im Haus, Carina Betz seit 13 Jahren, Alica Rautenberg seit fast neun Jahren. Alle drei haben die Weiterbildung zur Stillspezialistin absolviert, weil das Thema ihnen am Herzen liegt.


Was sind eure wichtigsten Aufgaben?

Carina: Wir arbeiten ganz normal im Stationsalltag mit, haben aber zweimal pro Woche unsere Stilltage. An diesen Tagen sind wir ausschließlich für die Frauen da. Keine Klingel, keine Hektik. Wir können uns hinsetzen, zuhören und uns auf jede Frau individuell einlassen. Das ist der Unterschied. Wir sind nicht im Ablauf, wir sind wirklich da. Und das gilt für alle Frauen, egal ob sie stillen möchten oder nicht. Wir begleiten jede Mutter in dieser Zeit, auf ihre Weise.

In welchen Situationen werdet ihr besonders gebraucht?

Frauke: Vor allem bei Frauen, die zweifeln und unsicher sind. Sie brauchen jemanden, der ihnen den Rücken stärkt. Die Fähigkeit zu stillen hat jede Frau. Sie braucht nur jemanden, der ihr das bestätigt. Und unsere Erfahrung zeigt: Wenn man weiß, dass es klappen kann, hält man durch. Auch durch anstrengende Momente und durch schwierige erste Tage.

Was verändert sich für Mütter, wenn sie gut begleitet werden?

Frauke: Wir haben weniger Kinder, die zu stark abnehmen. Weniger Kinder mit Gelbsucht. Weniger Frauen, die abpumpen müssen. Die Krankenhausapotheke hat uns sogar gefragt, ob wir das Pumpen abgeschafft haben, weil wir so wenig Material bestellt haben. Und die Frauen gehen nicht mehr ratlos nach Hause. Sie sind müde, ja. Aber nicht ausgeliefert.

Wie baut ihr in der gegebenen, kurzen Zeit Vertrauen auf?

Carina: Viele Frauen kennen uns schon, weil wir vorher in der Bereichspflege waren. Wir kommen in Privatkleidung, gehen kurz durch die Zimmer und sagen, wer wir sind. Wir setzen uns hin, statt zu stehen. Das schafft eine andere Atmosphäre. Dann fragen wir zuerst, was die Frau wissen möchte. Wir folgen dem, was sie braucht, nicht einem Ablauf. Auch die Partner werden einbezogen. Die haben oft genauso viele Fragen.

Was sagt ihr einer Mutter, die kurz davor ist aufzugeben?

Carina: Wir fragen zuerst nach ihren Gründen. Und wie sie sich das Stillen vorgestellt hat, als sie noch schwanger war. Die ersten zwei, drei Tage sind immer eine Ausnahmesituation. Erschöpfung, Überforderung, Schlafmangel. Das ist der schwierige Teil, bevor der schöne Teil kommt. Manchmal hilft es, sich daran zu erinnern, warum man es ursprünglich wollte. Wir drängen niemanden. Aber wir klären auf, was möglich ist.

Welche Rolle spielen die ersten Stunden?

Alica: Die erste Stunde nach der Geburt ist die wichtigste. Der Hormonspiegel ist so hoch, dass das erste Anlegen genau da stattfinden sollte. Unsere Hebammen wissen das und setzen es um. Die Kinder kommen direkt ins Bonding und bleiben dort. Mehr Hautkontakt, weniger Kleidung, mehr Nähe. Das macht einen enormen Unterschied für den ganzen weiteren Verlauf.

Was hat euch zur Stillberatung gebracht?

Carina: Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem Stillen selbstverständlich war. Ich finde es faszinierend, was der Körper kann und was auch das Kind schon alles kann. Das war für mich immer ein besonderes Thema.

Frauke: Ich habe das genaue Gegenteil erlebt. Meine Mutter konnte ihre Kinder kaum eine Woche stillen, weil das damals einfach nicht gefördert wurde. Alle vier Stunden wurden die Kinder rausgebracht und bekamen die Flasche. Ich habe das selbst noch so miterlebt, so gearbeitet. Und jetzt machen wir genau das Gegenteil. Das fühlt sich richtig an.

Was hat sich durch eure Spezialisierung verändert?

Frauke: Das Wissen ist tiefer geworden. Man lernt es nicht auswendig, sondern versteht es. Und das merken die Frauen. Man geht mit einer größeren Selbstverständlichkeit an die Arbeit heran und kann sich selbstbewusster in Situationen begeben, wo man auf kritische Meinungen trifft. Der Titel hilft dabei, aber das Wissen dahinter ist das Entscheidende.

Woran merkt ihr, dass eure Begleitung einen Unterschied macht?

Alica: Eine Patientin kam auf Station und fragte explizit nach der Stillberatung, weil eine Freundin ihr davon erzählt hatte. Das war der Moment, wo klar wurde, dass es den Frauen wirklich etwas bringt. Und wir bekommen Rückmeldungen von Hebammen, die in der Nachsorge sagen, dass die Frauen informierter und sicherer sind als früher.

Gibt es einen Moment, der euch für immer im Kopf bleibt?

Frauke: Ein Kind, das partout nicht an einer Seite trinken wollte. Wir haben mit Sonde und Muttermilch gearbeitet. In dem Moment, wo das Kind selbst gemerkt hat, da kommt Milch, hat es an dieser? Seite von da an immer getrunken. Einmal. Das war alles. Ich hätte nie gedacht, dass es so schnell gehen kann.

Carina: Wir hatten eine Adoptivmutter, die induziert stillen wollte. Vier Wochen Vorbereitung, ohne Hormone, mit pflanzlichen Mitteln und Ernährungsset. Sie hat das Kind im Krankenhaus in Empfang genommen und direkt angelegt. Sie war so gut informiert, so begeistert. Das war eine wahre Freude.

Was wünscht ihr euch, dass Mütter früher wissen würden?

Frauke: Dass Milch zu bilden kein besonderer Kraftakt ist, sondern ein normaler Prozess des Körpers. Und dass keine Milch der Welt so individuell auf ein Kind abgestimmt ist wie die eigene Muttermilch. Und dass der Weg dorthin keine gerade Linie ist. Es gibt schwierige Tage. Aber das ist okay. Wer das weiß, hadert weniger.

Was macht euch als Team aus?

Frauke: Wir haben uns alle selbst dafür entschieden, weil das Thema uns so am Herzen liegt. Und von Anfang an war uns wichtig, nicht über anderen zu stehen, sondern das ganze Team der Station mitzunehmen. Wir wollten das Wissen nicht für uns behalten, sondern im ganzen Team verankern. Alle sollen handlungsfähig sein. Zum Glück zieht das ganze Team mit.

Was würdet ihr Kolleginnen mitgeben, die über eine Spezialisierung nachdenken?

Frauke: Es sollte einen wirklich interessieren. Die Weiterbildung läuft parallel zum Stationsalltag und nimmt Zeit in Anspruch. Aber wenn man Interesse hat, zieht man es durch. Und es bringt einem nicht nur im Job etwas, sondern als Mensch insgesamt. Man verlässt die Komfortzone, aktiviert das Lernen wieder neu. Das hat einen Wert, der weit über den Arbeitsalltag hinausgeht.

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