
Onkologische Fachpflegekraft
„Es ist wichtig, dass Patient:innen jemanden haben, dem sie vertrauen. Das ist ein Teil der Behandlung."
Eine Krebserkrankung stellt das Leben auf den Kopf. Fragen häufen sich, Ängste auch. Natalie Bösel arbeitet im onkologischen Fachpflegeteam im Krankenhaus Buchholz und ist das Bindeglied zwischen Strahlentherapie, onkologischer Praxis und dem Haus.
Was sind deine wichtigsten Aufgaben?
Wir decken einen großen Bereich ab. Wir sind täglich in der Strahlentherapie, nehmen an Besprechungen in der onkologischen Praxis teil und sind in den Tumorkonferenzen. Alles, was mit onkologischen Patient:innen zu tun hat, liegt bei uns: Nebenwirkungen nach Chemotherapie, Portversorgung, Schmerzmanagement... Wir sind Ansprechpartnerinnen für die Pflegeteams auf den Stationen, aber vor allem für die Patient:innen selbst.
Welche Qualifikationen bringst du mit?
Meine Ausbildung in der Krankenpflege habe ich hier im Haus gemacht, danach eine Fachweiterbildung in Onkologie mit Palliative Care und eine Weiterbildung in spezieller Schmerzpflege. Zusätzlich habe ich eine Fortbildung in Aromatherapie.
Warum hast du dich für die Pflege entschieden?
Eigentlich ursprünglich gar nicht. Ich wollte etwas ganz anderes machen. Dann habe ich mich für ein FSJ entschieden, weil ich keine Zeit mehr hatte, mich anderweitig zu bewerben. Am ersten Tag hat mich jemand gefragt, ob ich in die Pflege möchte. Ich habe nein gesagt. Fast elf Jahre später bin ich immer noch hier und liebe meinen Job.
In welchen Situationen bist du besonders gefragt?
Vor allem beim Nebenwirkungsmanagement. Chemotherapie, Portversorgung, Schmerzmanagement. Diese Bereiche werden in der normalen Ausbildung kaum vertieft. Da meine Teamkollegin Sabine und ich beide die Schmerzpflege-Weiterbildung haben, sind wir auch bei komplexen Schmerzfragen eine gefragte Anlaufstelle, für Pflegekräfte genauso wie für Ärzt:innen.
Was verändert sich für Patient:innen durch eure Begleitung?
Wer weiß, was auf einen zukommt, kann besser damit umgehen. Das ist das Wichtigste. Wenn Patient:innen wissen, was auftreten kann, gehen sie viel sicherer damit um. Wir haben die Zeit, uns wirklich zu kümmern. Nicht nur schnell vorbeizuschauen, sondern zuzuhören und Fragen zu beantworten. Ich arbeite zusätzlich in der onkologischen Praxis, die mit unserem Haus kooperiert. Viele Patient:innen kennen mich dadurch bereits, wenn sie zur Behandlung in die Klinik kommen. Man muss nicht von vorne anfangen. Das Vertrauen ist schon da.
Welche Rolle spielt Beratung in deiner Arbeit?
Die größte. Onkologische Patient:innen haben eine Berg- und Talfahrt vor sich. Die Fragen hören nie auf. Wir sagen immer: Wenn noch etwas aufkommt, melden Sie sich. Weil die Fragen oft erst danach entstehen. Und wenn man weiß, wo man anrufen kann, fühlt man sich schon sicherer.
Mit welchen Berufsgruppen arbeitest du besonders eng zusammen?
Mit Strahlentherapeut:innen, Onkolog:innen, Palliativmediziner:innen, Physiotherapeut:innen, Musiktherapie. Eigentlich mit allen. Das ist das Besondere an dieser Rolle. Man ist ständig in Bewegung und in Kontakt. Die direkten Wege sind kurz und das merkt man.
Was ist besonders herausfordernd?
Diese Arbeit geht nah. Man begleitet Menschen durch eine der schwersten Phasen ihres Lebens, baut eine Bindung auf und erlebt manchmal auch, dass sie nicht nach Hause kommen. Damit muss man umgehen können. Gerade wenn man sie lange begleitet hat, aus der Praxis kennt und dann stationär erlebt. Aber eine Bindung aufzubauen ist trotzdem wichtig. Ich glaube, das ist sogar ein Teil der Behandlung. Jemand, der schwer krank und weg von zu Hause ist, braucht jemanden, dem er vertraut.
Was hilft dir dabei?
Der Austausch im Team. Dass man sagen kann, das hat mich gerade beschäftigt. Und privat bin ich viel draußen, gehe spazieren, habe ein Pferd. Wenn ich im Sattel sitze, ist der Kopf aus. Das ist wichtig in diesem Beruf. Man braucht einen Ausgleich, sonst geht man irgendwann kaputt.
Was hat sich durch deine Spezialisierung verändert?
Die Fachweiterbildung hat meinen Blick verändert, auf meinen Beruf und auf mein Leben. Ich war fast zwei Monate auf einer Leukämiestation in einem anderen Krankenhaus mit überwiegend jungen Patient:innen. Menschen, die mitten im Leben stehen, schwer krank sind und trotzdem eine Dankbarkeit ausstrahlen, die einen nicht loslässt. Eine Patientin hat mir gesagt: Man muss dankbar sein für jeden Tag, den man hat. Nicht immer nur schauen, was man nicht hat. Das begleitet mich bis heute.
Woran merkst du, dass deine Begleitung einen Unterschied macht?
Wenn Patient:innen sich meinen Namen merken. Wenn sie sagen, das hat mir wirklich geholfen. Wir hatten eine Patientin, die ich aus der Praxis kannte. Sie lag stationär, kam kaum aus dem Bett. Wir haben sie mobilisiert, sind zusammen über den Flur gelaufen. Zwei Wochen später kam sie in die Praxis und strahlte mich an: „Hi, da bist du ja wieder, wie schön.“ Das sind die Momente, für die man diesen Job macht.
Was würdest du Kolle:ginnen mitgeben, die über eine Spezialisierung nachdenken?
Unbedingt machen. Es ist nie verkehrt, mehr zu wissen. In der Pflege gibt es so viele Bereiche, da ist für jeden etwas dabei. Und am Ende profitieren alle davon. Die Kolleg:innen, man selbst und vor allem die Patient:innen.