
Leitung Delir- Team
„Die Angehörigen sind das Einzige, was wirklich hilft. Das bekannte Gesicht, die vertraute Stimme, das kann kein Medikament ersetzen."
Delir kann jeden treffen, nach einer Operation, bei schwerer Erkrankung oder in Stressphasen. Plötzlich ist der Mensch, den man kennt, nicht mehr ganz er selbst. Anne Victoria Pfänder leitet das Delirteam im Krankenhaus Buchholz und Winsen. Ihr Ziel: Delir verhindern, früh erkennen und Betroffene sowie ihre Angehörigen sicher begleiten.
Was sind deine wichtigsten Aufgaben?
Ich bin die Schnittstelle zwischen allen Beteiligten: Ärzt:innen, Pflegeteams, Therapeut:innen. Aber ich bin auch direkt am Bett. Wir gehen gemeinsam auf die Stationen und schauen, was wir verbessern können. Manchmal sind es kleine Dinge. Wenn jemand jeden Morgen um vier Uhr aufsteht, weil er Bauer ist und die Kühe melken will, dann wissen wir das. Und wir berücksichtigen es. Das klingt klein, macht aber einen großen Unterschied.
Welche Qualifikationen bringst du mit?
Ich bin Gesundheits- und Krankenpflegerin, habe Pflege studiert und eine Fachweiterbildung für Delir und Demenz abgeschlossen. Am Ende darf man sich Demenzexpertin nennen. Das gilt für alle in unserem Team.
Was hat dich zur Spezialisierung auf Delir gebracht?
Delir ist ein Thema, das überall ist, in jeder Abteilung, bei Jung und Alt. Wenn man ein Delir verhindert oder gut behandelt, hat man für die Patient:innen einen enormen Gewinn geschaffen. Man hält einen großen Hebel in der Hand. Das ist sehr sinnstiftend.
In welchen Situationen bist du besonders gefragt?
Wenn Patient:innen sehr unruhig sind und eine zusätzliche Kraft gebraucht wird. Wenn Angehörige Orientierung brauchen. Und wenn Ärzt:innen Fragen haben, wie man ein Delir diagnostiziert oder welche Medikamente geeignet sind. Das wissen wir und stehen jederzeit zur Verfügung.
Was verändert sich für Patient:innen durch eure Begleitung?
Sie haben jemanden, der den gesamten Aufenthalt im Blick hat. Wir sind nicht nur bei akuten Situationen da, sondern begleiten kontinuierlich. Wir mobilisieren, begleiten zur Körperpflege, gehen bei gutem Wetter auch mal mit einem Patienten in die Sonne. Wir fragen Angehörige nach Gewohnheiten und versuchen, den Alltag der Patient:innen so weit wie möglich in den Klinikalltag einzubringen. Und weil wir früh Risiken erkennen, können wir früh handeln.
Welche Rolle spielt Beratung in deiner Arbeit?
Eine sehr große, und sie beginnt vor dem Delir. Wer weiß, dass jemand nach einer Narkose zur Verwirrtheit neigt, kann frühzeitig handeln. Mit bekannten Gegenständen, vertrauten Bildern und der richtigen Vorbereitung. Gut beratene Angehörige wissen, was sie mitbringen sollen. Wissen ist in diesem Fall echter Schutz.
Mit welchen Berufsgruppen arbeitest du besonders eng zusammen?
Mit den Geriater:innen, regelmäßig und strukturiert. Dazu Neurolog:innen, Anästhesist:innen, Chirurg:innen, Therapeut:innen und allen Pflegeteams. Wer mich überrascht hat, sind unsere Transportpfleger, die unser Konzept gerade am stärksten tragen. Sie haben mit vielen Patient:innen Kontakt, sprechen mit ihnen und reorientieren sie unterwegs. Delirprophylaxe geht wirklich alle an, die ans Bett treten.
Was ist besonders herausfordernd?
Die Interessen aller unter einen Hut zu bringen. Die Station, die Entlastung braucht. Die Angehörigen, die Zeit und Beratung brauchen. Und ich bin überall Gast, willkommen, aber nirgends wirklich zugehörig. Das ist manchmal einsam. Gleichzeitig ist es das, was diese Rolle so besonders macht.
Wie erklärst du Angehörigen, was gerade passiert?
Ich sage: Stellen sie sich einen Zug vor. Die Weiche ist gerade nicht richtig gestellt, der Zug hält an einer Stelle, wo kein Fahrgast einsteigen kann. Das bedeutet nicht, dass er nicht funktioniert. Die Weiche lässt sich wieder stellen. Der Zustand ist erschreckend, aber er geht vorbei. Das ist das Wichtigste.
Was müssen Angehörige wissen, bevor sie jemanden mit Delir besuchen?
Dass sie keine Angst haben müssen. Und dass sie die wichtigste Ressource sind. Das bekannte Gesicht, die vertraute Stimme, das ist nachweislich das Wirksamste. Kein Medikament kann das ersetzen. Angehörige sind in diesem Moment nicht nur Besuch. Sie sind ein entscheidender Teil der Behandlung.