
Delir- Team
„Die Stimme sein für jemanden, der keine mehr hat“
Delir ist ein medizinischer Notfall, der sich manchmal leise ankündigt und plötzlich da ist. Bianca Sabry ist seit 1991 examinierte Krankenschwester und hat sich mit Mitte 50 zur Demenzexpertin weitergebildet. Ihr Antrieb ist es, die Stimme zu sein für Menschen, die ihre eigene gerade verloren haben.
Was sind deine wichtigsten Aufgaben?
Prävention, Behandlung, Vermeidung. Wir erkennen frühzeitig, wer gefährdet ist, begleiten Menschen durch ein akutes Delir und sorgen dafür, dass es nicht wieder auftritt. Dabei gehen wir immer mit offenen Augen auf die Station. Wir werden zwar oft zu einer bestimmten Person gerufen, aber wer sonst noch Hilfe braucht, wird nicht übersehen.
Welche Qualifikationen bringst du mit?
Ich bin seit 1991 examinierte Krankenschwester und habe mit Mitte 50 nochmal eine Weiterbildung zur Demenzexpertin absolviert. Für mich war klar, wenn ich das mache, dann ziehe ich es auch wirklich durch und bringe es in die Praxis.
Was hat dich zur Spezialisierung auf Delir gebracht?
Ich konnte schon immer gut für andere eintreten. Für jemanden da zu sein, der sich selbst vielleicht nicht mehr äußern kann, das hat mich schon immer angetrieben. Demenz und Delir geben mir die Möglichkeit, das täglich auszuleben. Ich mag es, genau hinzuschauen, zu erkennen wo etwas fehlt und dafür zu sorgen, dass jemand das bekommt, was er braucht. Ohne Vorwurf, einfach mit dem Blick dafür, was möglich ist.
In welchen Situationen bist du besonders gefragt?
Vor allem wenn Patient:innen unruhig, auffällig, emotional sind. Das sind die hyperaktiven Delirien, die man sieht. Die hypoaktiven Delirien, also die stillen, ruhigen, werden oft übersehen. Genau deshalb schaue ich auch dort hin.
Was verändert sich für Patient:innen durch eure Begleitung?
Der gesamte Aufenthalt ist anders. Wir nehmen uns die Zeit, wirklich hinzuschauen. Was braucht diese Person? Was sind ihre Gewohnheiten? Was macht ihren Alltag zu Hause aus? Diese Dinge fragen wir nach und versuchen, sie soweit möglich in den Klinikalltag einzubringen. Patient:innen merken diesen Unterschied. Sie fühlen sich sicherer, orientierter und wissen, dass jemand da ist, der sie als Person kennt und nicht nur als Diagnose.
Welche Rolle spielt Beratung in deiner Arbeit?
Eine sehr große, vor allem mit Angehörigen. Den Menschen im Delir kann ich nicht direkt beraten. Aber die Familie kann ich einbeziehen, informieren und stärken. Manchmal entdecke ich dabei auch, dass jemand seit Jahren kognitiv eingeschränkt ist, ohne Pflegegrad, ohne Hilfsmittel. Dann sorge ich dafür, dass sich das ändert.
Mit welchen Berufsgruppen arbeitest du besonders eng zusammen?
Mit der Pflege, den Ärzt:innen, den Physios. Es geht nur miteinander. Wenn es wichtig ist, gehe ich sofort ins Gespräch. Da setze ich mich ein.
Was ist besonders herausfordernd?
Jede Person, die ich treffe, ist anders. Sich immer neu einzustellen, den richtigen Ton zu finden, das ist die eigentliche Herausforderung dieser Rolle. Aber auf eine gute Art. Es hält einen wach und lebendig. Und ehrlich gesagt muss das einem einfach liegen. Das ist etwas, das man nicht lernen kann.
Was hat sich durch deine Spezialisierung verändert?
Ich habe meinen Beruf nie bereut, keinen einzigen Tag. Aber jetzt bin ich wirklich angekommen. Ich kann fachlich alles umsetzen. Mit Patient:innen spielen, spazieren gehen, pflegen. Ich bin nicht nur Krankenschwester. Ich darf auch Ergotherapeutin sein, Menüassistentin, Sozialdienst. Das ist Freiheit.
Wie erklärst du Angehörigen, was gerade passiert?
Ich erkläre zuerst den Unterschied zwischen Demenz und Delir. Demenz bedeutet weg vom Geist. Delir bedeutet aus der Furche sein. Es ist eine akute Störung im Gehirn, die schnelles Handeln braucht. Und genau deshalb sind die Angehörigen so wichtig. Sie sind ein fester Punkt, an dem sich jemand im Delir orientieren kann.
Was müssen Angehörige wissen, bevor sie jemanden mit Delir besuchen?
Was das Delir ausgelöst hat und was sie persönlich dagegen tun können. Bilder mitbringen, immer wieder sagen, wer sie sind und wo man ist, für genug Trinken und Essen sorgen. Handfeste Maßnahmen. Die Reaktion der Angehörigen darauf ist fast immer dieselbe. Erleichterung. Und die Freude, endlich zu wissen, was sie tun können.